Für Unternehmen aus der GaLaBau-Branche, dem Bauwesen oder dem Baustoffhandel ist die Wahl der Bezugsquelle vor allem eine wirtschaftliche und organisatorische Entscheidung. Der Produktpreis ist wichtig, doch im B2B-Einkauf sind ebenso seine Qualität, die Produktionsmöglichkeiten des Lieferanten, die Wiederholbarkeit weiterer Chargen, Termintreue sowie die Kosten der gesamten Lieferkette von Bedeutung.
In dieser Hinsicht ist Polen ein interessanter Markt für Abnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Land verbindet weiterhin wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen mit einer entwickelten Industrie, technologischer Basis und einer geringen Entfernung zum DACH-Markt.
Besonders deutlich wird dies am Beispiel zweier sehr unterschiedlicher Produktionsbereiche, die für den GaLaBau wichtig sind: der Granitbearbeitung und der industriellen Herstellung von Kunststoffelementen.
Lohnt sich der Einkauf solcher Produkte in Polen tatsächlich?
Polen bedeutet nicht nur niedrigere Produktionskosten
Über viele Jahre wurde der Vorteil mittel- und osteuropäischer Länder vor allem mit niedrigeren Arbeitskosten verbunden. Heute ist die Situation komplexer.
Die Beschäftigungskosten in Polen steigen systematisch, liegen aber weiterhin unter denen vieler westeuropäischer Länder. Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahrzehnten die technologische Basis der polnischen Industrie deutlich entwickelt – sowohl im Hinblick auf den Maschinenpark als auch auf Automatisierung und Organisation der Produktionsprozesse.
Nach Angaben von Eurostat bestehen zwischen den EU-Mitgliedstaaten weiterhin deutliche Unterschiede bei den Arbeitskosten, und Polen liegt trotz des schnellen Lohnanstiegs weiterhin unter dem EU-Durchschnitt.
Für den B2B-Kunden ergibt sich daraus eine interessante Kombination:
relativ niedrigere Basis eines Teils der Produktionskosten + moderne Betriebsausstattung + Produktion innerhalb des europäischen Marktes.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes in Polen hergestellte Produkt das günstigste ist. Es schafft jedoch Bedingungen, unter denen ein gut organisierter und technologisch entwickelter Hersteller wirksam mit Betrieben konkurrieren kann, die in einem deutlich teureren Kostenumfeld arbeiten.
Granitproduktion – wo entsteht der Vorteil?
Die Herstellung von Granitprodukten erfordert sowohl einen geeigneten Maschinenpark als auch Erfahrung im Umgang mit Naturmaterial.
Je nach Produktart kann der Prozess unter anderem folgende Schritte umfassen:
- Schneiden von Blöcken und Platten,
- Spalten,
- Formatieren,
- Flammen,
- Polieren,
- Fräsen,
- Fasen,
- zusätzliche Bearbeitung von Oberflächen und Kanten.
Jeder dieser Schritte erfordert Maschinenzeit, Energie, geeignete Werkzeuge und Bedienung. Der Preis des fertigen Elements ergibt sich daher nicht allein aus dem Preis des Rohmaterials.
Je anspruchsvoller die Bearbeitung ist, desto wichtiger wird die Effizienz des gesamten Produktionsprozesses. Eine gute Auslastung der Maschinen, eine richtige Arbeitsorganisation und eine günstigere Struktur eines Teils der Kosten können sich gerade in dieser Phase auf die Wettbewerbsfähigkeit polnischer Betriebe auswirken.
Granit erfordert weiterhin Erfahrung
Moderne Maschinen lösen jedoch nicht alles.
Granit ist ein Naturmaterial, und einzelne Blöcke können sich in Körnung, Struktur, lokalen Einschlüssen oder im Verhalten während der Bearbeitung unterscheiden. Deshalb bleiben in der Produktion weiterhin die Erfahrung der Mitarbeiter, die richtige Prozessführung, die Beurteilung des Rohmaterials, die Maßkontrolle sowie die korrekte Sortierung der fertigen Elemente wichtig.
Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Produktion aus einem homogenen Industriematerial.
Ein professioneller Abnehmer sollte daher nicht nur den Preis bewerten, sondern auch die Kompetenz des Betriebs, die Qualität der Kontrolle und seine technologischen Möglichkeiten.
Produktionsflexibilität ist im B2B wichtig
Ein gut ausgestatteter Steinbearbeitungsbetrieb kann sowohl Serienproduktion als auch Elemente für konkrete Aufträge realisieren.
Im B2B-Bereich hat das besondere Bedeutung, weil sich ein Projekt nicht immer an einige Standardlagermaße anpassen lässt. Häufig wird ein bestimmtes Format, eine bestimmte Stärke, eine bestimmte Oberflächenveredelung oder Kantenbearbeitung benötigt.
Der Zugang zu einer geeigneten Produktionsbasis ermöglicht daher den Übergang vom Modell:
„Wir wählen aus verfügbaren Elementen“
zum Modell:
„Wir fertigen ein Element entsprechend den Anforderungen des Projekts.“
Für ausführende Unternehmen, Planer sowie Firmen aus dem Natursteinhandel ist das ein Wert, der sich nicht allein durch den Vergleich des Preises pro Tonne oder Quadratmeter beurteilen lässt.
Kunststoffproduktion – eine völlig andere Technologie
Die Herstellung von Kunststoffelementen funktioniert nach einem anderen Modell als die Bearbeitung von Naturstein. In großen Teilen dieser Industrie bildet die Spritzgusstechnologie die Grundlage.
Der Kunststoff wird plastifiziert und anschließend unter entsprechendem Druck in eine Form eingebracht. Nach dem Abkühlen wird das fertige Element entnommen, und die Maschine startet den nächsten Zyklus. Ein großer Teil dieses Prozesses kann automatisiert sein.
Die Wirtschaftlichkeit der Produktion wird unter anderem beeinflusst durch:
- Konstruktion und Qualität der Form,
- Dauer eines einzelnen Zyklus,
- Maschinenparameter,
- Automatisierungsgrad,
- Art der Rohstoffnutzung,
- Größe der Produktionsserie,
- Organisation des gesamten Maschinenparks.
Bei Serienproduktion spielt die Skalierung eine große Rolle
Die Vorbereitung einer Form und der Produktionsstart können mit erheblichen Anfangskosten verbunden sein. Wenn dieselbe Form jedoch zur Herstellung von Tausenden oder Zehntausenden Elementen genutzt wird, verteilen sich diese Kosten auf die gesamte Serie.
Eine gut organisierte Spritzgussproduktion kann dadurch eine sehr hohe Effizienz und niedrige Stückkosten erreichen.
Aus Sicht des B2B-Kunden wird die Möglichkeit entscheidend, Folgendes zu verbinden:
große Serien + Wiederholbarkeit + Automatisierung + wettbewerbsfähige Produktionskosten.
Die Arbeitskosten sind in diesem Fall nur ein Bestandteil der Gesamtrechnung. Ebenso wichtig sind die Effizienz des Betriebs und die Art, wie seine Produktionsmöglichkeiten genutzt werden.
Warum ist ein ausgebauter Maschinenpark wichtig?
Die Möglichkeiten eines Herstellers ergeben sich nicht allein daraus, dass er eine Spritzgussmaschine besitzt. Ein ausgebauter Maschinenpark ermöglicht den Einsatz von Anlagen mit unterschiedlichen Parametern, deren Anpassung an konkrete Produkte sowie die parallele Durchführung mehrerer Prozesse.
Für den Geschäftskunden kann das größere Produktionskapazitäten, die Möglichkeit zur Bedienung großer Serien, eine einfachere Planung weiterer Chargen sowie mehr Flexibilität bei Änderungen der Bestellmengen bedeuten.
Das ist besonders wichtig für Distributoren und Großhändler. Denn es zählt nicht nur, ob der Hersteller die erste Bestellung ausführen kann, sondern auch:
Kann er die nächste Charge dann vorbereiten, wenn sie benötigt wird?
Granit und Kunststoff – unterschiedliche Technologien, ähnliche Einkaufsfragen
Technologisch haben Granitbearbeitung und Spritzgussproduktion nur wenig gemeinsam.
Im ersten Fall arbeitet man mit einem Naturmaterial mit variablen Eigenschaften, und ein Teil der Projekte kann ein individuelles Vorgehen erfordern. Im zweiten Fall bilden Formen, Automatisierung, große Serien und eine hohe Prozesswiederholbarkeit die Grundlage.
Aus Sicht des B2B-Einkäufers sind die Bewertungskriterien für den Hersteller jedoch weitgehend ähnlich.
Vor allem lohnt es sich, Folgendes zu prüfen:
- technologische Basis,
- Produktionsmöglichkeiten und Kapazitäten,
- Wiederholbarkeit weiterer Chargen,
- Qualität des verwendeten Rohmaterials,
- Art der Prozesskontrolle,
- Fähigkeit zur Realisierung weiterer Bestellungen,
- Termintreue.
Erst in diesem Kontext lässt sich der angebotene Preis richtig bewerten.
Niedrigere Kosten müssen keine niedrigere Qualität bedeuten
Bei der Bewertung von Angeboten aus Mitteleuropa begegnet man weiterhin gelegentlich der automatischen Annahme, dass niedrigere Produktionskosten niedrigere Qualität bedeuten müssen. In der Praxis müssen diese beiden Punkte nicht direkt miteinander verbunden sein.
Die Herstellungskosten können niedriger sein, weil der Betrieb in einem günstigeren operativen Umfeld arbeitet, seinen Maschinenpark gut nutzt, große Serien produziert, Prozesse optimiert oder umfassend Automatisierung einsetzt.
Auf die Qualität wirken dagegen vor allem Rohmaterial, Technologie, eingesetzte Werkzeuge, Produktionsorganisation, Prozesskontrolle und die Qualitätsanforderungen an das fertige Produkt ein.
Ein professioneller Einkäufer sollte daher zwei Fragen voneinander trennen:
Herstellungskosten ≠ Ausführungsstandard.
Ein niedrigerer Preis kann aus höherer Effizienz oder einem anderen Niveau operativer Kosten resultieren – nicht aus einer Absenkung der Produktqualität.
Die Nähe Polens verändert die Wirtschaftlichkeit des Einkaufs
Selbst eine sehr wettbewerbsfähige Produktion kann einen Teil ihres Vorteils verlieren, wenn die fertige Ware über mehrere Tausend Kilometer transportiert werden muss.
Polen hat in dieser Hinsicht eine günstige Lage gegenüber dem DACH-Markt. Es grenzt direkt an Deutschland, während Österreich und die Schweiz über standardmäßige europäische Straßenrouten erreichbar sind.
Die typische Lieferkette kann daher relativ einfach sein:
Produktion → Verladung → Straßentransport → Empfänger.
Sie erfordert weder mehrwöchigen Seetransport noch die Organisation von Containertransporten zwischen weit entfernten Weltregionen.
Für den Abnehmer bedeutet das vor allem eine kürzere Zeit zwischen Produktion und Lieferung sowie mehr Flexibilität bei der Planung weiterer Bestellungen.
Kürzere Logistik beeinflusst auch Lagerbestände
Die Einkaufskosten enden nicht mit dem Produktpreis und der Transportrechnung.
Eine lange Lieferkette erfordert häufig höhere Lagerbestände. Wenn die Wiederbeschaffungszeit viele Wochen beträgt, muss ein Unternehmen früher bestellen, größere Partien kaufen und einen entsprechenden Sicherheitsbestand vorhalten.
In der Praxis bedeutet das unter anderem:
- Bindung von mehr Kapital,
- höheren Bedarf an Lagerfläche,
- höheres Risiko von Überbeständen,
- geringere Flexibilität bei Nachfrageänderungen.
Eine kürzere Lieferkette kann dagegen häufigere Bestellungen kleinerer Partien und eine schnellere Reaktion auf den tatsächlichen Bedarf ermöglichen.
Im Ergebnis kann ein etwas höherer Stückpreis eines näher am Markt produzierten Produkts teilweise oder sogar vollständig durch niedrigere Lager-, Finanzierungs- und Risikokosten ausgeglichen werden.
Polen und Produktion außerhalb Europas
Bei der Bewertung Polens als Bezugsquelle lohnt es sich daher, nicht nur zu vergleichen:
Polen vs. Deutschland
sondern auch:
Polen vs. entfernte Produktionsmärkte außerhalb Europas.
Die Produktion in anderen Teilen der Welt kann einen sehr attraktiven Fabrikpreis bieten. Dieser Preis zeigt jedoch nicht die gesamten Einkaufskosten.
Berücksichtigt werden müssen auch Seetransport, längere Lieferzeit, häufig größere Mindestbestellmengen, die Notwendigkeit früherer Planung, ein höheres Bestandsniveau sowie eine geringere Möglichkeit, schnell auf Bedarfsänderungen zu reagieren.
Polen nimmt in dieser Hinsicht eine interessante Position zwischen teurer lokaler Produktion und sehr günstiger, aber geografisch weit entfernter globaler Produktion ein.
Genau auf diesem Prinzip basiert Nearshoring – also die Organisation von Produktion und Beschaffung relativ nah am Zielmarkt.
Der gemeinsame europäische Markt vereinfacht den Handel zusätzlich
Im Fall von Deutschland und Österreich ist ein zusätzlicher Vorteil die Zugehörigkeit Polens zum gemeinsamen Markt der Europäischen Union.
Polen, Deutschland und Österreich sind EU-Mitgliedstaaten, und der Warenverkehr zwischen ihnen unterliegt keinen Zöllen an den Binnengrenzen der Union. Eine Lieferung aus Polen erfordert daher keine klassische Importabwicklung aus einem Drittstaat.
In Verbindung mit dem Straßentransport ermöglicht dies eine relativ kurze und transparente Lieferkette.
Im Fall der Schweiz gelten aufgrund ihres Status außerhalb der EU selbstverständlich gesonderte Verfahren, die geografische Nähe Polens bleibt jedoch weiterhin ein wichtiger Faktor bei der Organisation des Transports.
Lohnt sich also der Einkauf in Polen?
Es gibt keine Antwort, die für jedes Produkt, jeden Kunden und jede Bestellung gleichermaßen richtig ist.
Wenn eine kleine Materialmenge sofort benötigt wird, kann ein lokaler Anbieter die einfachere und wirtschaftlich günstigere Lösung sein. Bei sehr großen, vollständig standardisierten Serien kann dagegen der Produktionspreis in entfernten Weltregionen für europäische Hersteller schwer erreichbar sein.
Polen ist besonders interessant zwischen diesen beiden Modellen.
Es kann verbinden:
- wettbewerbsfähige Herstellungskosten,
- moderne technologische Basis,
- Produktionserfahrung,
- hohe Möglichkeiten in der Serienproduktion,
- Flexibilität bei Sonderaufträgen,
- kurze Logistikwege zum DACH-Markt,
- Möglichkeit häufigerer Lieferungen,
- geringere Abhängigkeit von langen globalen Transportketten.
Bei Granit bedeutet das die Verbindung aus spezialisierter Bearbeitung, Erfahrung und der Möglichkeit, die Produktion an ein konkretes Projekt anzupassen.
Bei Kunststoffelementen bedeutet es dagegen die Möglichkeit, effiziente, automatisierte Serienprozesse und einen entwickelten Maschinenpark zu nutzen.
Deshalb sollte die Antwort auf die Frage „Lohnt sich der Einkauf in Polen?“ nicht ausschließlich aus dem Vergleich von Stückpreisen entstehen.
Im B2B ist wesentlich aussagekräftiger der Vergleich von:
Produktkosten + Qualität + Möglichkeiten des Herstellers + Transport + Lieferzeit + Lagerbestand + Risiko der gesamten Lieferkette.
Erst ein solcher Vergleich zeigt die tatsächliche Wirtschaftlichkeit des Einkaufs.
Für viele Unternehmen aus dem DACH-Markt kann Polen in diesem Verständnis eine kostenseitig wettbewerbsfähige, technologisch entwickelte und geografisch nahe Bezugsquelle sein.